Uwe - Trauerrede
Wir waren in derselben Clique im Griechischen Park gegenüber des Polizeireviers, Mitte
der siebziger Jahre. Ständig wurden wir von den Polizisten kontrolliert, die uns da weg
haben wollten.
Wir zwei hatten ein besonderes Spiel.
Immer wenn die Polizei um die Ecke kam, dann rannten wir auf einmal wie die Verrückten
in die entgegen gesetzter Richtung.
Und die uns hinterher....
Liebe Mutter, liebe Chrissi, liebe Alex und Ines, liebe Bianka, liebe Geschwister, liebe
Nichten und Neffen, liebe Freunde und Mitstreiter von Uwe Mascher.
Wir hatten nichts falsch gemacht aber die Polizei wollte das vermuten.
Wir sagten immer, dass wir nur Sport machten und deshalb rennen... . Sie haben uns das
auch nie vergessen und wir unseren Spaß auch nicht.
Ich möchte Euch ein paar schöne Geschichten von uns erzählen, denn wir waren ein
erfahrenes Team.
Als wir noch getrennt in verschiedenen Heimen waren, wollte er mir eine Freude machen.
Also sammelte er ein was nicht niet- und nagelfest war, packte das in einen Karton und gab
es dem Erzieher, damit er es seinem Bruder Thomas schickt. Er nannte das Diebstahl, ich
Liebe.
Das Paket ist bis heute nicht angekommen, die Botschaft aber ja!
Die erste große Geschichte mit mir an die er sich und mich erinnerte geschah uns im Alter
von 5 und 7. Unser Vater setzte gern Sauerkirchwein an und wir beobachteten, wir er den
Wein aus dem großen Krug ansaugte um das Glas zu füllen.
Als wir allein waren haben wir das auch versucht. Leider vergaßen wir, wie der Wein zu
stoppen war und wir waren das erste mal im Leben betrunken, schliefen auf der Veranda
ein und teilten uns auch diesen Ärger.
Mit Begeisterung fuhren wir Rollschuhe immer rund um die Antoniuskirche. Spielten mit
einem Tennisball fangen. In meinem Übermut warf ich den Tennisball einer
vorübergehenden Nonne an den Kopf, die sich wütend umdrehte und dem am nächsten
stehenden Kind, unserem Uwe eine Backpfeife verpasste.
Aber es ging auch anders herum. In der Schule verwechselte man uns öfter. Wenn Uwe
Ärger mit anderen Kindern hatte, dann holte er mich zur Hilfe und ich musste mich prügeln
oder verprügeln lassen.
Es gibt sogar noch ein Bild was wir gemeinsam hergestellt haben.
Mitte der siebziger Jahre bekam unsere Schule einen neuen Namen. Wir schufen mit
meiner Klassenlehrerin und zwei weiteren Schülern ein großes Mosaik in der Schulaula.
Als Dank ein Fahnenappell und jeder eine Phudysplatte. Wir lernten die Texte auswendig
und sangen sie auf unseren touren durch die Wuhlheide, unserem zweiten Zuhause nicht
weit von hier.
Im Lichtluftbad freundeten wir uns mit zwei russischen Mädchen an und sind öfter mit ihnen
Boot gefahren, haben Händchen gehalten und versuchten sie zu küssen.
Man ließ uns nicht.
Einmal sind wir aus dem Heim abgehauen mit etwas Brot und dem großen Plan nach Berlin
zu kommen.
Es dauerte allerdings keine 5 Stunden da hatten sie uns wieder eingefangen und wir
bekamen mehr als ein Monat Stubenarrest. Doch wir waren die Helden bei den Kindern.
Auch eine Art um Aufmerksamkeit zu bekommen.
Uwe hatte eine erste große Liebe, die bis zum Ende hielt.
Fräulein Krause. Ein Vorbild als Mensch für alle Kinder die an dieser Schule waren! Sie
erkannte das Potenzial und die Stärken von Uwe und förderte ihn. Er wurde der beste
Schüler seiner Klasse. Als Fräulein Krause seine Klasse abgab war das für Uwe ein großer
Bruch. Doch sie blieben sich bis zu ihrem Tod sehr verbunden. Er ging später für sie
einkaufen, holte ihr die Kohlen hoch und sie hörte ihm gern zu. Auch bei andern älteren
Menschen übte er sich in Nachbarschaftshilfe.
Uwe war immer sehr hilfsbereit, im letzten Sommer hat er mein Bad liebevoll renoviert.
Er war manchmal schwer davon abzubringen anderen helfen zu wollen. In den letzten zwei
Jahren hat er selbst Hilfe gebraucht und wir haben als Familie selbstverständlich reagiert.
Es gelang uns noch ihm die die äußere Lebensqualität wieder zurückzugeben.
Er hatte sich eine kleine schöne Wohnung in der Nähe zu seinen Kindern eingerichtet.
Nach der Trennung von seiner langjährigen Lebensgefährtin wollte er seine Töchter
jederzeit um sich haben. Sie haben ihn oft besucht, geredet und Karten gespielt. Sie liebten
sich und immer wieder sprach er davon wie wichtig sie ihm sind.
Als seine Krankheit begann zog er sich immer mehr zurück. Nicht freiwillig da dieser
Rückzug Teil der Krankheit war. Er kam immer einmal in der Woche zu mir um Post zu
bringen die wichtig war.
Es gab im letzten Jahr viel zu tun, leider schafften wir es nicht eine Kur für ihn zu
bekommen. Er hätte sie gern angenommen und immer wieder sprach er davon, dass er
danach gern zu Calle nach Norwegen möchte.
Wir haben es ihm sehr gewünscht.
Leider ist er nicht mehr zu Ärzten gegangen, er hatte keine Kraft mehr.
Zwischendurch war er auch immer wieder glücklich. Vor allem wenn er mit Chrissi, Alex und
unserer Mutter zusammen war. Hier hat er sich wohlfühlen können.
Er erzählte viel aus seinem früheren Leben, von seiner lieben Tochter Bianca, Tochter
seiner ersten Frau Peggy. Sie schenkt ihm jetzt seine erste Enkelin.
Uwe ist als drittes Kind von Astrid Mascher und Hans Joachim Fricke am 15.03.1960 in
Altlandsberg geboren worden. Er verlebte die ersten Jahre in Fredersdorf, dann in
Strausberg, Eisenhüttenstadt und kam später nach Berlin Oberschöneweide.
Er war gern in der Schule, gern unter Menschen und hatte einen stabilen Freundeskreis.
Und einer ist auch heute hier, sein Freund Karsten Polz von dem er mir manchmal erzählte.
Er liebte es Moped und Motorrad zu fahren, machte das viele Jahre, bis ihn die Polizei
überzeugte, dass das mit Führerschein besser wäre.
Das war's dann mit dem Motorrad und Mutter hatte eine Angst weniger.
Uwe machte eine Lehre als Schlosser, arbeitete gern in diesem Beruf. Das schönste war
für ihn seine Tätigkeit als Hausmeister in der Gehörlosenschule und dem angeschlossenen
Internat. Die Lehrer und Erzieher waren begeistert von seiner Aufmerksamkeit. Er
reparierte was Jahre liegen geblieben war und verstand sich gut mit den Schülern.
Bis ihm das Jobcenter mit den Worten “jetzt sind Andere dran“ seine Arbeit wegnahm an
die er sehr hing. Eine tragende Säule seines Lebens brach weg.
Was blieb ihm?
Seine Mutter, seine Töchter, seine Geschwister.
Reicht das für ein Leben?
Braucht es nicht auch Zuversicht und Anerkennung?
Die Liebe seiner Kinder, Mutter und Geschwister hat er nicht verloren. Doch wir konnten
nicht immer bei ihm sein.
Seine Krankheit hatte zur Folge, dass er vieles vergessen hat. Auch auf sich zu achten. Er
wurde still und in sich gekehrt.
In den letzten eineinhalb Jahren hatte er fast alles verloren. Der Verein „Chronisch Besser
Leben“ mit Sitz in Weißensee hat ihm professionelle und ehrenamtliche Hilfe zukommen
lassen. Dafür möchten wir uns als Familie ganz herzlich bedanken. Mit viel Aufwand ist viel
geschafft worden. Der Verein gründete sich unter dem Motto „Kranke helfen Kranken“ und
Uwe wurde Mitglied. Ein Leitspruch ist, dass Kranke kämpfen lernen müssen.
Uwe konnte das nicht mehr und seine Krankheit hatte zum Schluss die Oberhand
gewonnen.
Ein jeder gibt was er kann, die Familie, die Freunde, das Umfeld.
Es gibt keine Schuld an seinem Tod, von niemandem.
Ich möchte mich persönlich bei unserer Mutter bedanken, die Uwe ins Leben geholt hat und
den engsten Kontakt hatte. Bei Chrissi und Alex, die ihn besucht und geliebt haben, bei
Bianca, dass sie ihn Jetzt zum Opa macht, bei Ines, die ihn so lange mitgetragen hat, bei
Michael Schulz vom Verein, der viel Lebens- und Sozialhilfe gab, bei meinen Geschwistern,
Frau Paetow, die ihn bis zum Schluss betreut hatte, bei Frau Westphal, die es ermöglichte,
dass er in seiner Wohnung bleiben konnte und bei allen Lebensbegleitern!
Wenn ich jetzt in meinem Wald Pilze suchen gehe, wird mir seine Leidenschaft und
Fachkunde fehlen. Ich habe mir den Korb oft mit giftigen Pilzen voll gepackt, die er
hinterher aussortierte und mir damit das Leben, oder mindestens den Appetit rettete.
Er war ein echter „Geier“ beim Pilze suchen, man durfte ihm gar nicht zeigen wo die
meisten waren. Er wollte sie dann alle für sich. Doch im Endeffekt bekamen wir sie von ihm
getrocknet, beschriftet im Glas später zurück.
Es ist mir wichtig festzustellen, wie individuell er gelebt und gestorben ist. Wir Menschen
sind die riesige Summe aus einzelnen Erfahrungen. Auch manche, die wir uns nicht
ausgesucht haben.
Aber er war immer in Liebe zu uns und seinen Kindern.
Wenn wir unserem Toten die Augen schließen, dann öffnet Uwe uns die eigenen!
Ein Jeder geht mit seinen Erinnerungen, seiner eigenen Traurigkeit ganz individuell. Das ist
unser Recht einen neuen Weg zu suchen und dennoch kehren wir zu Uwe immer wieder
zurück mit unseren schönen Erinnerungen.
Wir werden ihn vermissen und uns erinnern, dass wir im Glück häufig vergesslich sind.
Doch jetzt sind wir es nicht und erinnern uns doch an so viel schönes, was er uns
geschenkt hat.
Und zum Abschluss möchte ich einen Text von Eric Clapton lesen:
Tears in Heaven
Wenn ich Dir jetzt da oben im Himmel begegnen würde, würdest Du mich wieder
erkennen?
Wüsstest Du überhaupt noch, wie ich heiße?
Wäre dann alles wieder wie vorher?
Würdest Du mir die Hand geben, mich festhalten, mir helfen?
Ich muss halt stark sein. Weitermachen.
Weil ich nicht dahin gehöre, wo Du jetzt bist.
Aber ich werde es schaffen, weil ich dableiben kann, wo Du jetzt bist.
Zeit. Zeit kann Dich kaputtmachen, klein machen, brechen.
Dich in die Knie zwingen. Dich soweit runter holen, dass dein Stolz zerstört wird und Du
zum ersten Mal wieder um etwas bitten kannst.
Ich stehe vor dieser Tür, und Du bist dahinter.
Du und Frieden.
Weil es im Himmel keine Tränen gibt.
Davon bin ich überzeugt.

 

Chrissi: Papa ♥
Papa ♥
Du warst der beste Vater den es gab und du hast es nicht veridient schon mit so einem niedrigen Alter zu
sterben ! Hoffentlich geht es dir dort wo du jetzt besser ! Wir sehen uns bestimmt wenn ich mal sterbe
wieder ♥ ICH LIEBE DICH ♥
Deine Tochter Chrissi ♥

Joomla Template by Joomla51.com